Begegnungen im hohen Norden: Rentiere & Hunde

„Das sind doch ausgebüxte Ziegen“, sagte ich, und schaute angestrengt durchs Fernglas. Lupold schnaubte empört. Ausbüxen, das geht gar nicht, findet er als überzeugter Kontrollfreak. „Das sind Rentiere“, klugscheißerte Thomas, der Biologe. Ich war skeptisch, immerhin waren wir gerade einmal auf den Hausberg der Wintersportstation spaziert – im südlichsten Fjäll Schwedens. Rentiere, das verknüpfte ich mit der weiten skandinavischen Tundra, mit Wildnis, mit Arktis! Ich hatte ja keine Ahnung.

Zwei Tage später, ich kam gerade vom Duschen, bummelte eine Herde Rentiere – mit Kälbern – an mir vorbei. Auf dem Campingplatz. Sie wichen nur gelangweilt auf den Straßenrand aus und blickten mich halb argwöhnisch, halb tagträumend an. Ein Anblick, der mir den Atem verschlug – doch im Laufe der nächsten Tage gewöhnte ich mich an ihn. Denn: In der Gegend um Idre sind Rentiere weder selten noch ausnehmend scheu.

Wer weiter gen Norden in Richtung Härjedalen fährt, trifft allenorts auf wehende schwarze Mülltüten, die entlang der Straße aufgehängt sind. Dieses Zeichen bedeutet: Aufpassen – Rentiergebiet. Und aufpassen sollte man in der Tat, denn die Tiere spazieren hier gelassen über den Asphalt und lassen sich nicht hetzen.

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Rentiere: Könige des Fjälls

Auch im Fjäll trifft man natürlich auf Rentiere. Diese persönliche Begegnung ist durchaus eindrucksvoll: Die Tiere können eine Schulterhöhe von bis zu 1,40 Metern erreichen und bis zu 300 Kilogramm auf die Waage bringen. Bei männlichen Rentieren misst das Geweih bis zu 1,30 Metern in der Breite.

Wild sind diese Rentiere in der Regel jedoch nicht mehr – im Grunde handelt es sich um domestizierte Hirsche. Die meisten von ihnen gehören den Samen, der Urbevölkerung Nordschwedens. Bei den Samen sind die Rentiere nicht nur Nahrungs- und Rohstofflieferant, sondern ein essentieller Bestandteil ihres kulturellen Selbstverständnisses. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich ihre Handwerkskunst, slöjd  genannt, unbedingt einmal ansehen.

Wer in Idre wandern geht, trifft häufig auf ihre Stätten, denn Idre Sameby ist das südlichste Samendorf in Schweden. Die Rentiere leben hier frei in kleinen Herden von etwa zehn bis einhundert Tieren, gehören jedoch den Rentier-Züchtern. Wirklich wilde Rentiere, die Vildren, gibt es in Schweden nur noch ganz selten – eine größere Herde wildlebender Rentiere lebt in der norwegischen Hardangervidda.

Die Bilder von scheinbar endlosen Rentierherden, die man aus dem Fernsehen kennt, gibt es nur während der jahreszeitlichen Wanderungen, in denen sich die kleinen Herden zusammenschließen. Zum Markieren oder zum Schlachten werden die Herden zusammen getrieben. Das ist heute weniger romantisch als es klingen mag: Man nutzt vor allem Quads, Motorschlitten und Hubschrauber.

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Rentiere und Hunde

Rentiere trifft man auf Wanderungen in Skandinavien durchaus häufig – etwa 500.000 von ihnen gibt es in Schweden und Norwegen. Vor allem im August sind die Tiere auf Nahrungssuche und dringen auch in Gegenden weiter südlich vor. Dabei legen sie keinen gesteigerten Wert darauf, den Menschen zu meiden. Im Gegenteil: Den Komfort ausgetretener Wanderpfade wissen sie durchaus zu schätzen. Wir wurden auf unseren Wanderungen  im Långfjället und im Rogen Nationalpark – trotz dreier Hunde – jedenfalls neugierig beäugt.

Unsere Hunde fanden die Begegnungen höchst spannend – und zunächst auch leicht verstörend. Ihre Nasen sagen ihnen, dass sie hier Wildtiere vor sich haben – nur verhalten sie sich nicht so, wie Wildtiere sich eigentlich verhalten sollten. Die Fluchtdistanz eines Rehs liegt bei etwa 100 – 200 Metern. Die halbzahmen Rentiere dagegen beobachten Fremde lediglich skeptisch – und suchen erst ab einer Distanz von etwa 20 Metern das Weite.

Lily und Lupold interessierten sich vor allem für die Hinterlassenschaften der Tiere, die auf bestimmten Strecken allgegenwärtig sind. Rentierköttel sind aus Hundeaugen betrachtet erstaunlich vielseitig: Sie schmecken nicht nur unwiderstehlich, man kann sich auch hervorragend in ihnen wälzen. Etwas emotionaler reagierte unsere kleine spanische Pflegekastrophe Schnipsel – sie war völlig aus dem Häuschen und hätte sich am liebsten mit ihren 4 Kilogramm Kampfgewicht auf den nächsten Rentier-Bullen geworfen. Letztlich haben wir Rentiersichtungen gemeistert, indem wir sie freundlich unter den Arm geklemmt haben und einen großen Bogen gelaufen sind.

Verhaltensregeln beim Treffen auf Rentiere

Klar ist: In Rentiergebiet sollten Wanderer sich angemessen verhalten – aus Respekt vor der Natur und der Kultur der Sami, zum Schutz dieser wundervollen Tiere, aber auch zum eigenen Schutz. Im Rentiergebiet finden sich Hinweistafeln, auf denen Wanderern erläutert wird, wie man bei Sichtung einer Herde reagieren sollte. Auch die Webseite der Fjällstation Grövelsjön gibt Tipps, jedoch nur auf Schwedisch. Mit Erlaubnis der Fjällstation haben wir die Hinweise einmal frei ins Deutsche übersetzt:

  • Bei Rentiersichtungen solltet Ihr Euch ruhig verhalten, nicht lärmen und nicht direkt auf die Tiere zugehen.
  • Haltet einen Sicherheitsabstand ein. Weicht die Herde Euch aus, seid Ihr bereits zu nah herangegangen und solltet Euch zurückziehen.
  • Hunde gehören in Rentiergebiet an die Leine.
  • Besondere Rücksichtnahme gilt im späten Frühjahr, insbesondere zwischen April und Mai. Zu dieser Zeit kalben die Weibchen.
  • Auch zur Zeit des Herdenzusammentriebs im Winter sollten Wanderer sich vorsehen.
  • Nehmt am besten immer ein Fernglas mit, um die Tiere aus sicherer Entfernung beobachten zu können.

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Bitte nicht füttern!

Manche Rentiere können erstaunlich zutraulich sein. Einzelne Individuen im süd-lappländischen Stekenjokk-Fjäll gehören beispielsweise dazu – so wie das Maskottchen unserer Schweden-Reise 2017, das wir kurzerhand „Ralfi“ getauft haben. Ralfi war so begeistert von unseren Hunden, das er am liebsten ins Wohnmobil eingestiegen wäre. „Sie hoffen auf einen Hundekeks“, klärte man uns in der Marsfjäll Mountain Lodge auf. Aber: Füttern sollte man die anhänglichen Kameraden trotzdem lieber nicht, denn das Verdauungssystem von Rentieren ist ausgesprochen empfindlich.

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Tipp: Rentier-Trekking in Deutschland

Wer die Könige des Fjälls aus nächster Nähe erleben möchte, kann das am besten auf einer geführten Rentier-Trekking-Tour machen. Das Beste: Dazu muss man nicht einmal bis nach Schweden reisen. Die dreizehn Rentiere von Alex Winter von Dog and Trail leben mitten in Deutschland. Wir haben Axel auf einem Dogtrekking-Grundkurs in der Lüneburger Heide kennengelernt und werden das Rentiercamp von Dog and Trail sicherlich auch einmal besuchen.

 

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